Ein neuer Partner für Inklusion: Die ZWH kommt ins Gesundheitswesen – und das ist spannend
Handwerk goes Pflege
Seit dem 1. Januar 2026 hat Berlin einen neuen Ansprechpartner für Unternehmen im Bereich Ausbildung, Beschäftigung und Fachkräftesicherung: die ZWH (Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk e.V.). Sie übernimmt die EAA – die Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber – und wird damit zur zentralen Beratungsstelle für Kliniken, Pflegheime und ambulante Dienste bei der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung.
Das ist ein Schritt, der mich nachdenklich und gleichzeitig optimistisch stimmt. Denn die ZWH ist nicht die übliche Adresse, wenn man an Gesundheitsberatung denkt. Sie ist ein Kind des Handwerks – eine Organisation, die seit 1998 kleine und mittlere Betriebe unterstützt. Dass jetzt ausgerechnet dieser Akteur Gesundheit und Soziales mit seinem Know-how bearbeitet, wirft Fragen auf. Aber es eröffnet auch unerwartete Chancen.
Die Frage, die im Raum steht: Kann das funktionieren?
Zunächst die kritische Seite. Die ZWH ist für das Handwerk gemacht – für Dachdecker und Elektrikerinnen, für kleine Betriebe mit klaren Abläufen und messbaren Output. Das Gesundheitswesen ist eine andere Welt. Hier geht es nicht um Baustellen oder Werkstätten, sondern um Patient:innensicherheit, tarifliche Komplexität, spezialisierte Qualifikationen und regulatorische Anforderungen, die im Handwerk kaum eine Rolle spielen.
Die Frage ist also berechigt: Hat die ZWH Erfahrung mit Kliniken, Pflegeeinrichtungen, mit dem stationären Bereich? Die Antwort fällt erst einmal niederschmetternd aus – nein, nicht wirklich. Das ist nicht ihre Welt. Das bedeutet: Hier beginnt ein Lernprozess, und ehrlich gesagt, lässt sich nicht absolut garantieren, dass dieser reibungslos verläuft.
Ein weiterer Punkt: Vorgängerin FAW (Fortbildungsakademie der Wirtschaft) hat die EAA seit 2022 betreut. War FAW spezialisierter? Hatte sie tiefergehende Kontakte zu Gesundheitseinrichtungen? Schwer zu sagen, aber der Wechsel birgt immer das Risiko, dass Kontinuität und Vertrautheit verloren gehen – gerade in den ersten Monaten.
Und noch eine Bedenken: Die ZWH kennt KMU-Logik – aber Pflegeteams, Klinikleitungen, HR-Abteilungen großer Konzerne ticken anders. Ein Handwerksbetrieb mit 20 Mitarbeitenden hat völlig andere Probleme als eine 500-Betten-Klinik mit komplexen Fördermittel-Anforderungen. Kann die ZWH diese Perspektivverschiebung leisten?
Aber hier liegt auch die große Chance
Genau hier möchte ich aber auch ehrlich zu den Chancen sprechen – und ich glaube, sie sind erheblicher als man zunächst meint.
Erstens: Die ZWH versteht KMU-Logik besser als jede spezialisierte Pflegeberatung.
Das ist kein Fehler, das ist ein Feature. Denn seien wir uns bewusst: Viele Pflegeteams funktionieren wie kleine Unternehmen – mit flachen Hierarchien, pragmatischen Entscheidungen, direktem Kontakt zwischen Leitung und Team. Die Geschäftsführerin eines ambulanten Pflegedienstes mit 30 Mitarbeitenden braucht genau den gleichen Mix aus Praxisnähe und Innovation wie der Leiter einer kleinen Elektrofirma. Die ZWH weiß, wie man mit knappem Budget, hohem Druck und innovativen Wünschen gleichzeitig umgeht. Das ist wertvoll.
Zweitens: Das Handwerkskammer-Netzwerk ist ein unterschätzter Vorteil.
Die ZWH ist nicht allein – sie ist ein Träger der 53 deutschen Handwerkskammern. Das bedeutet: In Berlin und Brandenburg ist die zuständige Handwerkskammer direkt vor Ort, vernetzt, präsent. Und – das ist entscheidend – Handwerkskammern wissen längst, dass Menschen mit Behinderungen, Langzeitarbeitslose und Quereinsteiger:innen auch ihr Problem sind. Es gibt in vielen Handwerksbetrieben den gleichen Fachkräftemangel wie in der Pflege. Das bedeutet: Die ZWH kommt nicht als externe Fachstelle herein, sondern als Teil eines Systems, das selbst unter Druck steht und deshalb innovativ sein muss.
Drittens: Die ZWH hat digitale Innovationskompetenz.
Das ist nicht zu unterschätzen. Seit 1999 entwickelt die ZWH E-Learning-Lösungen, didaktisches Design, Online-Plattformen für berufsbegleitende Qualifizierung. Sie haben Meister:innen-Kurse digitalisiert, Bachelor-Professional-Formate mitgestaltet, Blended-Learning-Konzepte entwickelt. Im Gesundheitswesen – wo die digitale Transformation der Fortbildung gerade erst beginnt – könnte diese Expertise helfen, Schulungen für Inklusions-Koordinator:innen, für Mentoring-Programme oder für Fachkräftegewinnung moderner zu gestalten. Das ist ein realer Mehrwert.
Viertens – und das ist vielleicht der unterschätzteste Punkt: Wissenstransfer aus dem Handwerk zu dem Gesundheitswesen.
Der Handwerk beschäftigt seit langem Menschen mit Behinderungen in normalen Betrieben – nicht nur in Werkstätten. Es gibt Modelle, wie man Menschen mit körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen in normalen Handwerksbetrieben einsetzt, wie man Arbeitsplätze anpasst, wie man mit Inklusionsmittel umgeht. Diese Erfahrungen sind im Gesundheitswesen oft nicht dokumentiert. Die ZWH könnte diese Erkenntnisse mitbringen – ein echtes Transfer-Potenzial, das bislang ungenutzt ist.
Und noch etwas: Handwerksbetriebe haben – oft aus wirtschaftlicher Not – gelernt, mit knappem Budget kreativ zu sein. Sie kennen Förderprogramme wie Ausgleichsabgabe, Inklusionsamt, Arbeitsagentur aus dem Effeff. Im Gesundheitswesen wird dieses Wissen oft in silos gehalten. Die ZWH könnte eine Brücke bauen – und damit vielen Einrichtungen ermöglichen, Fördermittel zu nutzen, die sie gar nicht auf dem Radar haben.
Was ich freut – und warum ich optimistisch bin
Ehrlich gesagt: Ich habe Lust, mit der ZWH zusammenzuarbeiten.
Die Pressemitteilung des Lageso zitiert Sebastian Knobloch, Geschäftsführer der ZWH, mit einem Satz, der mich beeindruckt hat:
"Mit der neuen Ausrichtung der EAA Berlin wollen wir eine neue Haltung in der betrieblichen Inklusionsberatung prägen. Wir denken Beratung konsequent aus der Perspektive der Betriebe. Unser Anspruch ist es, Unternehmen praxisnah und serviceorientiert zu unterstützen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die für Betriebe und Beschäftigte gleichermaßen tragfähig sind."
Das ist exakt die Botschaft, die ich mir wünsche. Nicht "Inklusion auf Biegen und Brechen", nicht idealistische Forderungen an die Industrie – sondern: Wie schaffen wir praxisnahe Lösungen, die allen nutzen? Das ist meine Sprache, das ist das, wofür ich Purpose Pulse People entwickelt habe.
Meine Erwartung an die ZWH ist klar:
Schnell lernen. Ja, die ZWH muss ihre Expertise vertiefen – und das ist ok. Aber ich erwarte, dass sie das zügig tut. Nicht mit oberflächlichem Handwerk-Wissen, sondern mit echtem Verständnis für Gesundheitssysteme.
Beratung niedrigschwellig halten. Die EAA ist kostenlos und niedrigschwellig – das muss so bleiben. Die ZWH sollte nicht zu "zertifizierter Spezialist:in" werden und damit unzugänglich.
Mit bestehenden Akteuren zusammenarbeiten. Es gibt bereits Netzwerke, Expert:innen, Organisationen in Berlin, die zu Inklusion im Gesundheitswesen arbeiten. Mich eingeschlossen. Die ZWH sollte diese Expertise einbeziehen, nicht ersetzen oder ignorieren.
Handwerk-Perspektive nutzen, nicht überstülpen. Die Stärke liegt darin, dass sie anders herangeht. Nicht im Voraus festlegen, wie Inklusion im Krankenhaus aussehen muss, sondern: fragen, zuhören, gemeinsam entwickeln.
Was das konkret für Sie als Leitung bedeutet
Wenn Sie in einer Klinik, einem Pflegeheim oder einem ambulanten Dienst arbeiten: Die ZWH ist jetzt Ihre Ansprechpartnerin bei der EAA Berlin. Das bedeutet kostenlose Beratung zu:
Ausbildung von Menschen mit Behinderung (auch Handwerk in Ihren Einrichtungen?)
Einstellung von Menschen mit Schwerbehinderung
Nutzung von Ausgleichsabgabe-Mitteln
Förderprogrammen der Agentur für Arbeit
Langzeitarbeitslose in sinnvollen Rollen einsetzen
Meine Empfehlung: Nehmen Sie Kontakt auf. Nicht um zu wissen, ob die ZWH "die richtige" ist – sondern um self zu erfahren, wie sie arbeitet, welche Fragen sie stellt, wie sie denkt. Vertrauen wächst durch Dialog, nicht durch Debatte.
Und wenn Sie Purpose Pulse People interessiert, wenn Sie Menschen mit Beeinträchtigungen, Ehrenamtliche oder Quereinsteiger:innen in Ihre Teams bringen wollen – auch dann kann die EAA Berlin ein Türöffner sein. Die ZWH kann helfen, Fördermittel zu akquirieren, Partnerschaften zu vermitteln, Prozesse zu strukturieren.
Das Fazit: Ein Experiment, das ich unterstütze
Ist der Wechsel zur ZWH riskant? Ja, ein bisschen. Neuerungen bergen immer Unsicherheit.
Ist es auch eine Chance, neue Energie, neue Perspektiven ins System zu bringen? Absolut ja.
Ich glaube an diese Kooperation, weil ich an das Potenzial grenzüberschreitender Zusammenarbeit glaube. Das Handwerk und das Gesundheitswesen haben mehr gemeinsam, als man denkt – und beide brauchen neue Ansätze gegen Fachkräftemangel und Ausgrenzung.
Deshalb sage ich: Willkommen, ZWH. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.
Und an alle Leitungen im Berliner Gesundheitswesen: Nutzt diese neue Ressource. Stellt Fragen. Testet, ob die ZWH ein Partner für Euch sein kann. Und wenn Sie Unterstützung braucht, um das Beste aus dieser Kooperation zu machen – ich bin da. Purpose Pulse People lebt von solchen Netzwerken und vom Austausch über Grenzen hinweg.
Lasst uns gemeinsam zeigen, dass Inklusion funktioniert – nicht theoretisch, sondern praktisch, mit echten Menschen in echten Rollen.