Governance-Silos überwinden: Wie wir Langzeitarbeitslosigkeit neu denken

Das Problem hat einen Namen: “Versäulung”

Deutschland verfügt über eines der komplexesten Sozialsysteme der Welt. Doch genau das ist oft sein Schwachpunkt. Experten sprechen vom „versäulten Sozialsystem" – ein System, in dem verschiedene Rechtskreise, Behörden und Institutionen wie isolierte Türme nebeneinander existieren, statt sich zu ergänzen.

Schauen wir auf die Zahlen: Im Januar 2025 waren in Berlin über 70.000 Menschen langzeitarbeitslos. Das sind Menschen, die länger als ein Jahr durchgehend ohne Arbeit sind. Gleichzeitig gibt es in der Stadt fast 60.000 unbesetzte Stellen, darunter Tausende im Pflegebereich. Wie kann das sein?

Die Antwort liegt nicht allein in der Fachkräftelücke oder fehlenden Qualifikationen. Sie liegt in der Governance – der Art, wie wir Politikfelder organisieren und koordinieren.

Governance-Silos: Das strukturelle Versprechen, das nicht gehalten wird

Das deutsche Arbeitsmarktförderungssystem basiert auf mehreren parallel laufenden Rechtsgrundlagen: dem SGB II (Grundsicherung), dem SGB III (Arbeitslosenversicherung), dem SGB IX (Rehabilitation und Teilhabe), kommunalen Eingliederungsleistungen und vielem mehr. Jeder Rechtskreis hat eigene Budgets, eigene Ziele, eigene Zielgruppen.

Das ist die Silomentalität: Was in einer Silos Sinn macht, widerspricht oft dem in der anderen. Ein Jobcenter-Mitarbeiter kann nicht einfach mit der zuständigen Behörde für Menschen mit Behinderung kommunizieren. Kommunale Eingliederungsleistungen werden oft als „Paralleluniversum" wahrgenommen, mit eigenen Standards und Logiken, ohne klare Verbindung zu den Zielen des Gesamtsystems.

Die Folge: Langzeitarbeitslose fallen durchs Netz. Sie werden aktiviert, gepuffert, verwaltet – aber sie werden nicht integriert.

Die wissenschaftliche Evidenz: Vier kritische Erkenntnisse

1. Das Stigma-Problem

Langzeitarbeitslose erleben nicht nur ökonomische Exklusion – sie erleben auch soziale. Fünfzig-vier Prozent der Betriebe sagen offen: Mit langzeitarbeitslosen Menschen rechnen wir nicht. Das ist nicht nur ein Vorurteil, es ist eine Institution. Dieses Stigma verschärft sich mit jeder Woche der Arbeitslosigkeit. Langzeitarbeitslose werden als „signaling problem" für Arbeitgeber wahrgenommen: Der lange Leerlauf wird als Zeichen von Unfähigkeit interpretiert, nicht als Beweis von Pech oder systemischen Barrieren.

2. Der Teufelskreis der Intensiven Bemühung

Hier kommt ein paradoxes Phänomen: Je stärker Langzeitarbeitslose sich stigmatisiert fühlen, desto intensiver suchen sie nach Arbeit. Sie nutzen mehr Kanäle, investieren mehr Zeit, sind aktiver als andere Arbeitslose. Doch ihre intensive Bemühung schlägt sich nicht in höheren Erfolgschancen nieder. Stattdessen häufen sich Ablehnungen an – und das verstärkt das Stigma weiter. Ein klassischer Teufelskreis.

3. Die Koordinationslücke

Die Politikwissenschaft spricht hier von „Holistic Governance" – der Fähigkeit eines Staates, reflexiv zu lernen und verschiedene Politikfelder abgestimmt zu steuern. Deutschland hat diese Fähigkeit institutionell nicht gebaut. Jobcenter, Sozialämter, Inklusionsämter, Agentur für Arbeit – jede Institution hat ihre Logik, ihre Metriken, ihre Anreize. Eine wirklich ganzheitliche Bearbeitung komplexer Problemlagen, wie sie Langzeitarbeitslose darstellen, scheitert an dieser Zerklüftung.


4. Das Ressourcen-ParadoxoN

Deutschland hat die Instrumente, um Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Das Programm „Teilhabe am Arbeitsmarkt" (§ 16i SGB II) finanziert Beschäftigung mit Lohnkostenzuschüssen. Das „Budget für Arbeit" (§ 61 SGB IX) unterstützt die Integration von Menschen mit Behinderung. Die Ausgleichsabgabe bringt Millionen für Inklusionsmaßnahmen. Das Problem ist nicht die Abwesenheit von Mitteln, sondern ihre Zersplitterung und mangelnde Ko-Nutzung.

Ein Leuchtturmprojekt zeigt den Weg: Das Berliner Solidarische Grundeinkommen

Wer Hoffnung braucht, schaue auf das Berliner Modell: Das Solidarische Grundeinkommen (2019–2025) nahm 1.000 langzeitarbeitslose Menschen und gab ihnen echte, sozialversicherungspflichtige Arbeit – nicht Maßnahmen, nicht Ersatz-Jobs, sondern wirkliche Tätigkeit mit echtem Mehrwert: in Kitas, Schulen, öffentlichen Diensten, Sozialeinrichtungen.

Das Ergebnis? Nicht nur Beschäftigung, sondern Würde. Nicht nur Einkommen, sondern Teilhabe. Die EU-Kommission hat dieses Projekt als „Vorbild für Soziale Innovation in Europa" gewürdigt.

Was macht es anders? Es bricht die Silos auf. Es kombiniert arbeitsmarktpolitische Mittel mit sozialen Zielen. Es arbeitet mit echter Sinnhaftigkeit: Die Arbeit nützt nicht nur dem Einzelnen, sondern der Gesellschaft. Das ist Purpose statt Passivverwaltung.

Der PPP-Impuls: Governance neu denken

Genau hier setzt das Purpose · Pulse · People (PPP)-Konzept an. Es ist nicht nur ein Pflegeinnovation – es ist ein Governance-Innovation.

Purpose bedeutet: Statt Langzeitarbeitslose als „Fälle" zu verwalten, werden sie als Ressource wiederentdeckt. Langzeitarbeitslose, Menschen mit Behinderung, Quereinsteiger – sie alle können sinnstiftende Aufgaben übernehmen. In der Praxis heißt das konkret: 43.000 arbeitslose Pflegehilfskräfte in Deutschland könnten Pflegekräfte entlasten und Patienten würdevolles Miteinander erleben schenken. Das ist Purpose.​

Pulse bedeutet: Regelmäßige Strukturen, Lern-Rhythmen, kontinuierliche Reflexion – das, was Governance-Silos typischerweise zerstören, wird wiederhergestellt. Statt isoliert in verschiedenen Behörden zu sitzen, entstehen echte Koordinations-Teams, an denen Jobcenter, Integrationsämter, Einrichtungen und Koordinatoren zusammenarbeiten.

People bedeutet: Nicht administrative Zuständigkeit, sondern echte Gemeinschaft. Nicht Fallmanagement, sondern Vertrauensbeziehungen. PPP schafft lokal vor Ort die Struktur, die Governance-Silos aufbricht.

Konkret: Wie PPP Silos überwindet

  • Finanzierungsintegration: PPP kombiniert kreativ §16i SGB II, §61 SGB IX und Ausgleichsabgabemittel – nicht sequenziell, sondern parallel und aufeinander abgestimmt. Das ist bereits eine Überwindung von Silos.

  • Lokale Koordination: Durch die PPP-Koordinatorin oder den PPP-Koordinator vor Ort entsteht eine echte Schnittstellenfunktion zwischen Jobcenter, Einrichtungen, und den Helfenden selbst. Sie sind die Brücke über die Silos.

  • Sinnkopplung als Integrationstreiber: Die Stigmatisierung schwächt sich ab, wenn Menschen sehen, dass ihre Arbeit wertvoll ist, dass Patienten von ihnen profitieren, dass die Gesellschaft ihre Leistung braucht. Das ist die psychologische Antwort auf das Stigma-Problem.

  • Evidenzbasierte Verstetigungsstrategie: PPP wird von 2025–2030 wissenschaftlich evaluiert (als Masterarbeit integriert). Das schafft die Evidence base, um Governance-Silos auf politischer Ebene zu rechtfertigen, die bisherige Logik zu hinterfragen und neue Regelungen zu ermöglichen.

Ein systemischer Ansatz für ein systemisches Problem

Die Langzeitarbeitslosigkeit ist nicht primär ein Motivations- oder Qualifikationsproblem. Sie ist ein Governance-Problem. Und Governance-Probleme lassen sich nicht durch mehr Jobcenter oder höhere Sanktionen lösen. Sie lassen sich nur durch strukturelle Innovation lösen – durch neue Formen der Zusammenarbeit, der Finanzierung, der Sinnstiftung.

PPP zeigt: Es ist möglich. Menschen, die als „nicht integrierbar" galten, können integriert werden, wenn wir:

  • Die Silos aufbrechen

  • Sinn statt Zwang setzen

  • Regelmäßigkeit und Gemeinschaft schaffen

  • Lokal koordinieren, statt zentral zu verwalten

Das ist nicht nur gut für Menschen, die langzeitarbeitslos sind. Es ist ein Gewinn für die ganze Gesellschaft: mehr Fachkräfte in der Pflege, mehr Würde für Langzeitarbeitslose, ein inklusiveres Gemeinwesen, und – nicht zuletzt – intelligentere Nutzung von öffentlichen Mitteln.

Die Frage ist nicht, ob wir es uns leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun.

Vollständige Quellenangaben

Borchert, E. (2025). Purpose Pulse People (PPP) – Dossier: Ein innovatives Konzept gegen den Pflegenotstand. Unveröffentlichtes Projektdossier.

Deutschlandfunk. (2024, 18. Dezember). Welche Folgen die Stigmatisierung von Arbeitslosen hat. Abgerufen von https://www.deutschlandfunk.de/stigmatisierung-arbeitslosigkeit-102.html

Gürtzgen, N., & Popp, M. (2022). Langzeitarbeitslosigkeit aus betrieblicher Perspektive: Betriebliche Vorbehalte gegenüber Langzeitarbeitslosen sinken leicht in Krisenzeiten (IAB-Kurzbericht 17/2022). Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. https://doi.org/10.48720/IAB.KB.2217

Industrie- und Handelskammer Berlin. (2025, Dezember). Arbeitsmarkt aktuell – Dezember 2025. Abgerufen von https://www.ihk.de/berlin/politische-positionen-und-statistiken-channel/fachkraefte-arbeitsmarkt/arbeitsmarkt-in-zahlen-4812190

Krug, G., Drasch, K., & Jungbauer-Gans, M. (2019). Are there negative duration effects of long-term unemployment? Journal for Labour Market Research, 53(8). https://doi.org/10.1186/s12651-019-0247-2

Schroeder, W., et al. (2006). Aktivierender Wohlfahrtsstaat und sozialpolitische Steuerung (Aus Politik und Zeitgeschichte, 2-3/2006). Bundeszentrale für politische Bildung.

Schulze-Böing, M. (2025). Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit – was kann das SGB II? Abgerufen von https://www.schulzeboeing.de/fileadmin/user_upload/PDF/Downloads/Arbeitsmarkt-SGB-II/Kampf_gegen_Langzeitarbeitslosigkeit.pdf

Wittbecker, S. (2024). Einflussfaktoren auf die Stigmatisierung von Arbeitslosen? Mentale Gesundheit und politische Orientierung als Prädiktoren (Unveröffentlichte Bachelor-Arbeit). Universität Bamberg.

Zentrum für Wissenschaftsaffare Berlin (BBWA). (2025). Solidarisches Grundeinkommen – Gute Praxis für Soziale Innovation in Europa. Abgerufen von https://bbwa-berlin.de/pilotprojekt-solidarisches-grundeinkommen-sge-gute-praxis-fuer-soziale-innovation-in-europa/


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