Aus der Pflegebudget-Krise zu neuer Chance – ein Ausblick auf 2026
2025 war kein leichtes Jahr.
Wir mussten uns von Kolleginnen und Kollegen trennen, die ohne formale Pflegeausbildung bei uns gearbeitet haben. Menschen, die engagiert waren, verlässlich, wirksam. Das Pflegebudget – eigentlich gedacht als Entlastung – wurde zur Daumenschraube. Und hat genau das Gegenteil bewirkt: Es hat Türen geschlossen statt geöffnet.
Das hätte uns entmutigen können.
Hat es aber nicht.
Wenn etwas scheitert, lohnt sich eine ehrlichere Frage
Aus der Frustration ist eine Frage entstanden, die uns durch das ganze Jahr begleitet hat:
Was wäre, wenn wir Pflege nicht länger ausschließlich über formale Fachlichkeit definieren – sondern als Ökosystem von Tätigkeiten, in dem Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen Verantwortung übernehmen können?
Diese Frage ist unbequem für bestehende Strukturen.
Aber sie ist konsequent, wenn man den Alltag betrachtet.
Ein Modell existiert bereits – nur nicht zu Ende gedacht
Wir haben begonnen, bestehende Konzepte neu zu betrachten. Eines davon: die stationsäquivalente Behandlung (StäB).
Ein psychiatrisches Modell, bei dem multiprofessionelle Teams Menschen zuhause versorgen – statt sie stationär aufzunehmen.
Der entscheidende Gedanke war dann dieser:
Was, wenn wir dieses Prinzip auf die somatische Versorgung übertragen?
Auf Menschen, die nach einer Operation medizinisch stabil sind, aber im Alltag Unterstützung brauchen.
Und weitergedacht:
Was, wenn genau diese 1:1-Begleitung zuhause der Weg zurück in Arbeit für jene ist, die wir dieses Jahr verabschieden mussten?
Nicht als Notlösung.
Sondern als strukturierter, qualifizierender Einstieg.
Die Finanzierung ist kein Zukunftsversprechen – sie existiert bereits
Die überraschende Erkenntnis: Der rechtliche Rahmen ist da.
Nach einer Operation übernehmen Krankenkassen für bis zu vier Wochen häusliche Krankenpflege und Haushaltshilfe (§ 37, § 38 SGB V). Das ist kein Pilot, kein Modellversuch – das ist geltendes Recht.
Was bisher gefehlt hat, ist die systematische Verbindung:
Menschen ohne formale Pflegeausbildung
strukturierte Qualifizierung
reale Einsätze in der Häuslichkeit
klare Perspektiven über die Maßnahme hinaus
Jobcenter können Langzeitarbeitslose vermitteln.
Träger können Qualifizierung und Begleitung sicherstellen.
Kliniken suchen händeringend nach Partnern für die Nachsorge.
Das System war da.
Es war nur nicht zusammengedacht.
Was das konkret für die Menschen bedeutet, die wir gehen lassen mussten
Ganz praktisch heißt das:
Eine ehemalige Kollegin oder ein ehemaliger Kollege ohne Pflegeexamen könnte
gezielt qualifiziert werden für 1:1-Betreuung nach Operationen
(Mobilisation, Alltagsunterstützung, emotionale Begleitung)
echte Berufserfahrung sammeln in zeitlich klar begrenzten Einsätzen
(vier bis sechs Wochen pro Patient)
kontinuierlich arbeiten, nicht in Parkmaßnahmen, sondern mit Perspektive
wieder Sinn erleben – in einer Arbeit, deren Wirkung unmittelbar spürbar ist
Das ist kein Almosen.
Das ist Teilhabe.
Ein Ausblick ohne Garantien – aber mit Haltung
Wir wissen nicht, ob es funktioniert.
Das wäre unseriös zu behaupten.
Aber wir wissen:
Die Finanzierung existiert
Die Bedarfe sind real
Die Menschen sind da
Und das Potenzial ist nicht ausgeschöpft
Ein Modell, das Patient:Innen besser versorgt und Menschen in Arbeit bringt, arbeitet nicht gegen das System.
Es arbeitet mit seiner Logik – nur konsequenter.
Das ist unser Ausblick auf 2026.
Nicht: „Wir wollen wieder Helfende ohne Ausbildung einstellen.“
Sondern:
Wir wollen ein Ökosystem bauen, in dem unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Rollen ihre Stärken einbringen – und dabei Sinn finden.
Das ist Purpose.
Das ist Pulse.
Das ist People.
Und das ist erst der Anfang.