Die erste Nacht braucht einen Partner. Ein offenes Angebot an Sana.
Diese Serie hat mit Sana begonnen. Also ist es nur fair, dass sie sich heute direkt an Sana wendet.
Blog 42 entstand aus einem LinkedIn-Post von Dr. Jens Schick, dem COO der Sana Kliniken. Inzwischen steht der Text ausführlicher im Sana-Newsroom: Ambulantisierung als Systemwandel. Sana baut ein eigenständiges ambulantes Setting auf, bewusst getrennt vom stationären Betrieb – eigene Räume, schlanke Abläufe, Teams nur für diesen Bereich. Eine interprofessionelle Projektgruppe hat dafür rund zwei Jahre lang Leitplanken erarbeitet, die jetzt Standort für Standort umgesetzt werden. Und Sana schreibt selbst, dass das nur trägt, wenn die ambulanten Strukturen in regionale Gesundheitsnetzwerke eingebunden sind. Damit Patienten „am richtigen Ort zur richtigen Zeit“ versorgt werden.
Ich meine das ohne Ironie: Das ist einer der klarsten Texte, die ein Klinikbetreiber zur Ambulantisierung veröffentlicht hat. Kein Wolkenpapier. Ein Umsetzungsplan.
Genau deshalb schreibe ich ihn heute weiter. An der Stelle, an der er aufhört.
Der richtige Ort ist das eigene Bett. Die richtige Zeit ist drei Uhr nachts.
Sana will möglichst viele Eingriffe ohne Übernachtung in der Klinik erbringen. Das ist richtig. Aber ohne Übernachtung heißt nicht ohne Nacht.
In Blog 42 habe ich beschrieben, was an dieser neuen Adresse passiert, wenn dort niemand wartet. Wer allein lebt, hat nach dem Eingriff keine erwachsene Person, die 24 Stunden anwesend ist. Der AOP-Vertrag nach §115b SGB V führt das als Kontextfaktor – und macht aus dem ambulanten Fall einen stationären. Das Sozialgericht Hannover hat diese Logik bestätigt (S 69 KR 2198/16). Die Unterstützungspflege nach §37 Abs. 1a SGB V deckt Grundpflege und Haushalt, nicht die reine Anwesenheit. Und die Hybrid-DRG nach §115f SGB V beendet zwar den Streit um die Abrechnung, nicht aber den Verbrauch des Betts.
In Berlin ist das kein Randfall. Rund jeder zweite Haushalt der Stadt ist ein Einpersonenhaushalt. Für ein Haus wie das Sana Klinikum Lichtenberg – 676 Betten, eines der größten Krankenhäuser der Hauptstadt – ist „allein lebend“ keine Fußnote im Aufnahmegespräch. Es ist Alltag.
Leben Pflegen Reisen e.V. hat für diese Nacht bereits eine Struktur gebaut: geschulte, versicherte Sitzwachen in Berliner Kliniken, online buchbar. Der nächste Schritt liegt auf der Hand – sie aus der Klinik in die erste Nacht zu Hause zu verlängern. Genau dafür fehlt der Partner auf der anderen Seite der Wohnungstür.
Die Debatte läuft. Was fehlt, ist die Praxis.
Dass die Idee trägt, sage inzwischen nicht mehr nur ich. Heinz Lohmann, einer der profiliertesten Befürworter der Ambulantisierung, hat die Sitzwache 2.0 unter Blog 42 öffentlich einen „wichtigen Baustein einer ausdifferenzierten Angebotsstruktur“ genannt. Und er hat bestätigt, was ich schon länger glaube: Die Psychiatriereform von vor 50 Jahren ist die Blaupause. Sie gelang dort, wo die gemeindenahen Strukturen standen, bevor die Betten verschwanden. Dr. Jan Ilg hat die Frage gestellt, die jedes Entlassmanagement kennt: Wo steht eigentlich, dass fehlende häusliche Betreuung eine stationäre Behandlung begründet? Sein Fazit nach der Antwort war klarer als meines: Erst entscheiden, was der Patient nach dem Eingriff tatsächlich braucht. Dann der Sektor. Und Otto Melchert hat das Problem auf eine Uhrzeit gebracht: Freitag, 13 Uhr, der Pflegestützpunkt schließt. Und dann? Notaufnahme.
Drei Perspektiven, ein Nenner: Die Versorgungsfrage nach dem Eingriff ist offen, und alle wissen es. Was fehlt, ist nicht die Idee. Was fehlt, ist ein Klinikum, das sie in der Praxis beantwortet.
Wer zählt eigentlich die Nächte?
Mein Angebot beginnt mit einer Frage, die ich Sana ganz ehrlich stelle: Wie viele Patientinnen und Patienten bleiben in euren Häusern stationär, obwohl der Eingriff ambulant geplant war – nur, weil zu Hause niemand ist?
Ich vermute, diese Zahl kennt niemand genau. Sie steht in keinem Qualitätsbericht und in keiner Fallstatistik. Sie versteckt sich irgendwo zwischen Sozialanamnese und Aufnahmebegründung. Genau deshalb ist sie die erste Forschungsfrage. Und genau deshalb braucht es ein Klinikum, das sie beantworten kann: mit eigenen Daten, aus einem echten ambulanten Setting.
So könnte es konkret aussehen. Ein Standort, eine Indikationsgruppe, ein halbes Jahr. Im prästationären Gespräch wird erfasst, wer allein lebt. Wer möchte, bekommt statt des Betts eine Sitzwache für die erste Nacht zu Hause – geschult, versichert, mit pflegefachlicher Anleitung im Hintergrund, vermittelt über den Verein und verzahnt mit dem Entlassmanagement des Hauses. Gemessen wird, was zählt: vermiedene Bettentage, nächtliche Notrufe, Wiedervorstellungen innerhalb von 72 Stunden, das Sicherheitsempfinden alleinlebender Patienten mit und ohne Präsenz. Und die Kosten der Nacht, verglichen mit den Kosten des Betts.
Das ist kein Großprojekt. Das ist ein Reallabor mit hundert Nächten. Die wissenschaftliche Begleitung liegt nahe: Das Klinikum Lichtenberg ist akademisches Lehrkrankenhaus der Charité. Wer es größer denken will: Mit dem Ambulant-Stationären Zentrum in Templin hat Sana bereits gezeigt, dass es Innovationsfonds-Projekte stemmen kann. Und ich bringe etwas mit, das ich so noch nie öffentlich angeboten habe: meine Masterarbeit im Sozialmanagement. Sie ist für 2027 angesetzt und soll genau diese hundert Nächte auswerten – ob und wie eine strukturierte Präsenz in der ersten Nacht ambulante Eingriffe für Alleinlebende möglich macht.
Ein Verein kann das nicht allein. Ein Konzern auch nicht.
Ich will ehrlich sein, was wir können und was nicht. Leben Pflegen Reisen e.V. ist ein junger Verein. Wir sind keine Pflegeeinrichtung und wollen keine werden. Unsere Sitzwachen pflegen nicht. Sie sind da, sie beobachten, sie rufen im Zweifel an. Das ist aufgabenbezogene Qualifizierung, keine Ausbildung – und genau das macht die Rolle für Menschen zugänglich, die der Arbeitsmarkt aussortiert hat: Rentnerinnen und Rentner, Studierende, Menschen mit Beeinträchtigung, Langzeitarbeitslose. Purpose, Pulse, People in Vereinsform. Jede Nacht, die wir besetzen, ist doppelte Teilhabe – für den Menschen im Bett und für den Menschen daneben.
Was wir nicht haben, hat Sana: die Patienten, das ambulante Setting, das Aufnahmegespräch, die Daten, die Abrechnungskompetenz. Und zwei Jahre Leitplanken-Arbeit. Umgekehrt haben wir, was in diesen Leitplanken fehlt: die Struktur hinter der Wohnungstür.
Es gibt noch einen Grund, warum ich ausgerechnet Sana frage. Sana ist in Berlin kein Gast. Das Klinikum Lichtenberg gehört zu den größten Häusern der Stadt, und Dr. Schick sitzt im Vorstand der Berliner Krankenhausgesellschaft und ist Vorsitzender des Verbands privater Kliniken und Pflegeeinrichtungen Berlin-Brandenburg. Wer die erste Nacht in Berlin zum Thema machen kann, sitzt also längst am Tisch. Und noch etwas, das ich bisher für mich behalten habe: In meinem PPP-Projektzeitplan steht seit 2025 ein Wunsch-Pilotstandort. Er heißt Sana Klinikum Lichtenberg. Das war kein Versprechen an irgendjemanden – nur eine Markierung, wo der Pilot aus meiner Sicht hingehört. Heute kann ich begründen, warum. Und ich habe den Zeitplan angepasst: Der Pilot steht jetzt für 2027 drin.
Ich schreibe das öffentlich und nicht per E-Mail, weil die erste Nacht kein Sana-Problem ist. Sie betrifft jedes Haus, das ambulantisiert. Aber Sana hat angefangen, laut darüber zu reden. Also fange ich bei Sana an.
Mein Vorschlag ist klein genug, um ihn in diesem Herbst zu besprechen und 2027 zu starten – und groß genug, um Ende 2027 eine Zahl zu haben, die in Berlin noch niemand hat. Ein Gespräch. Eine Station. Hundert Nächte. Wenn am Ende steht, dass die Sitzwache nicht trägt, habe ich das schwarz auf weiß und lerne daraus. Wenn sie trägt, hat Sana die erste belastbare Antwort auf den Kontextfaktor „allein lebend“ – und die Politik das Argument, das sie für einen Kostenträger braucht.
Das ambulante Setting ist gebaut. Lasst uns die Nacht dazubauen.

