Mein Arbeitgeber hat Insolvenz angemeldet.
Das ist jetzt Realität. Und gleichzeitig arbeiten wir daran, das, was wir aufgebaut haben, in eine neue Form zu überführen. Unternehmensbereiche zu retten. Strukturen zu erhalten. Damit das, was wirklich zählt — Inklusion, soziale Teilhabe, echte Pflege für echte Menschen — eine Zukunft hat.
Genau dafür haben wir ein Tool. Und wir nutzen es gerade. Mitten in der Krise.
Zukunftswerkstatt trifft Kill Your Own Business — das ist kein theoretisches Konzept. Es ist ein kombiniertes Workshop-Format: Die Zukunftswerkstatt als moderierter Prozess, in dem wir in drei Phasen arbeiten — erst die ehrliche Analyse des Ist-Zustands, dann eine freie Utopie-Phase, in der alles möglich ist, und schließlich die konkrete Ausarbeitung tragfähiger Ideen. Kombiniert mit dem Kill-Your-Own-Business-Ansatz, der uns zwingt, provokante Fragen zu stellen: Warum könnte es uns in drei Jahren nicht mehr geben? Was würde uns wirklich zerstören?
Die Antworten auf diese Fragen zeigen, was schützenswert ist.
Das Problem: Dieses Tool ist eigentlich für die Ruhe gebaut. Für den Moment, in dem der Laden noch läuft. Wenn man den Luxus hat, das Undenkbare zu denken — ohne dass es brennt.
Wir denken es jetzt. Weil es brennt.
Und das verändert alles.
Im Krisenmodus fehlt die Distanz. Man hängt an dem, was war. Jede Entscheidung trägt emotionalen Ballast. Die erste Phase der Zukunftswerkstatt — die kritische Bestandsaufnahme — fühlt sich plötzlich nicht nach Methode an, sondern nach Schmerz. Die KYOB-Frage "Wie würden wir uns selbst zerstören?" ist nicht mehr hypothetisch. Sie ist Gegenwart.
Aber: Das bedeutet nicht das Ende der Idee.
Denn genau da passiert etwas Interessantes. Der Druck erzwingt eine Klarheit, die freiwillig kaum entsteht. Alle Ausreden fallen weg. Die Frage "Was trägt wirklich?" bekommt eine Schärfe, die im Normalbetrieb fehlt.
Die Utopie-Phase der Zukunftswerkstatt — normalerweise der kreativste, aber auch riskanteste Teil, weil man sich gerne in schönen Ideen verliert — wird zur Überlebensfrage. Was ist möglich? Nicht: Was war. Sondern: Was könnte sein, wenn wir mutig genug sind, es anders zu denken?
Für uns heißt das konkret: Wir schließen nicht einfach. Wir analysieren, welche Bereiche tragfähig sind. Welche Strukturen unter einem neuen Dach weiter Bestand haben. Wie wir Inklusion und soziale Teilhabe — das, wofür wir angetreten sind — in einer anderen Unternehmensform weiter betreiben können.
Die bittere Pointe bleibt: Wer dieses Tool in der Krise nutzt, sitzt nicht mehr am Steuer. Man reagiert, statt zu gestalten. Das Gehirn ist im Überlebensmodus — und rationales, strategisches Denken kostet dort extra.
Kill Your Own Business sollte längst passiert sein. Als Übung. Als Schutzimpfung.
Warum macht das kaum jemand? Weil es wehtut, das eigene Werk gedanklich zu zerstören, solange es noch lebt. Weil der Alltag keine Luft lässt. Weil man hofft, dass es schon gut geht.
Bis es nicht mehr gut geht.
Für mich persönlich heißt das: Es geht weiter. In anderer Form, mit neuer Struktur. Die Arbeit bleibt. Der Purpose bleibt. Die Menschen, für die wir das machen, brauchen uns weiterhin — Menschen, die am Rand des Arbeitsmarkts stehen, die soziale Teilhabe brauchen, die in inklusiven Strukturen wachsen können.
Das ist das Ergebnis des Prozesses. Nicht das Ende. Eine neue Orientierung.
Fazit: Die Kombination aus Zukunftswerkstatt und Kill Your Own Business funktioniert — auch in der Krise. Aber anders. Langsamer. Mit mehr Schmerz als Strategie.
Wer das Tool nutzt, während noch kein Haus brennt, bekommt etwas Wertvolles: Die Chance, selbst zu entscheiden, was bleibt. Was sich verwandeln darf. Und was wirklich schützenswert ist.
Wir lernen das gerade. In Echtzeit. Und wir bauen weiter — weil Inklusion und soziale Teilhabe keine Insolvenz kennen.