Von der Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt. Und warum Merz die falsche Antwort ist.

Der Weg aus der Werkstatt ist kein Sprint. Er ist ein Marathon mit Hindernissen, die du von außen kaum siehst.

Ich arbeite täglich mit Menschen, die am Rand des Arbeitsmarkts stehen – oder schon lange drüber hinaus gefallen sind. Und ich weiß: Inklusion passiert nicht durch einen Beschluss. Sie passiert durch Begleitung, Geduld und echte Arbeitsplätze, die tatsächlich passen. Nicht durch Quoten. Nicht durch Effizienzrechnungen.

Deshalb muss ich kurz über Friedrich Merz reden.

Eine Aussage. Ein Problem.

Merz hat gesagt, Inklusion dürfe Unternehmen nicht „mit Kosten überfrachten."

Ich finde das beschämend.

Nicht weil Wirtschaftlichkeit keine Rolle spielt. Sondern weil diese Aussage zeigt, wie wenig der Mann verstanden hat, worum es geht. Er spricht über Menschen mit Beeinträchtigungen wie über einen Posten in der Haushaltsdebatte. Kein Gesicht. Kein Schicksal. Nur eine Zahl, die irgendwie nicht aufgehen will.

Das ist keine Wirtschaftspolitik. Das ist Gleichgültigkeit mit Krawatte.

Und es ist gefährlich. Weil solche Aussagen aus dem Mund eines Bundeskanzlers Haltungen normalisieren. Weil sie signalisieren: Inklusion ist ein Nice-to-have. Ein Luxus. Den wir uns leisten, wenn der Haushalt es hergibt.

Spoiler: Den Haushalt hat er übrigens auch nicht im Griff.

Die falsche Frage kostet uns alle

Wer fragt, wie viel Menschen mit Beeinträchtigungen den Staat kosten, stellt die falsche Frage.

Vollständig. Grundlegend. Falsch.

Die richtige Frage lautet: Wie bringen wir sie wirklich auf den ersten Arbeitsmarkt? Mit guter Bildung. Passgenauer Beratung. Inklusiven Arbeitsplätzen. Fairen Einkommen. Und einem Staat, der nicht nur Gesetze schreibt, sondern auch dafür sorgt, dass sie in der Praxis ankommen.

Das ist keine Sozialpolitik-Romantik.

Das ist Volkswirtschaft.

Was die Werkstatt wirklich bedeutet

Die Werkstatt für behinderte Menschen ist für viele der einzige strukturierte Rahmen, der Tagesstruktur, soziale Teilhabe und sinnvolle Arbeit gibt.

Aber sie ist auch eine Sackgasse. Der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt gelingt nur einem Bruchteil. Zu wenig Begleitung. Zu wenig passende Stellen. Zu viel Misstrauen auf beiden Seiten.

Und genau das ist das Problem, über das Merz sprechen müsste. Stattdessen redet er über Kostenlast.

Der ökonomische Nutzen, den die CDU ignoriert

Menschen mit Beeinträchtigungen sind keine Kostenblöcke. Das Narrativ ist falsch – und es schadet.

In der Pflege. In der Assistenz. Im Fahrdienst und in der Betreuungsarbeit. Dort sind sie oft genau diejenigen, die Beziehungen aufbauen, Rücksicht nehmen, Verlässlichkeit zeigen. Nicht weil sie billig sind. Sondern weil sie qualifiziert sind. Weil sie wissen, was es bedeutet, auf Unterstützung angewiesen zu sein.

Wenn jemand aus der Werkstatt in reguläre Beschäftigung wechselt, zahlt er Steuern und Sozialbeiträge. Er braucht weniger bedarfsabhängige Grundsicherung. Er bringt Erfahrung mit, die kein Studiengang lehrt.

Das ist kein Almosen. Das ist ein Gewinn – für alle. Auch für Merz' Haushalt.

Was ich mir von dieser Bundesregierung erwarte

Nicht weniger Auflagen. Nicht das Abschleifen von Schutzrechten. Nicht das Schönreden eines Systems, das Inklusion auf dem Papier will – und in der Praxis ausbremst.

Ich erwarte, dass endlich gefragt wird: Wie schaffen wir Übergänge, die wirklich funktionieren? Wie bauen wir Jobcoaching aus? Wie schaffen wir Anreize für Unternehmen, die ehrlich inklusiv arbeiten wollen – und nicht nur eine Quote erfüllen?

Merz hat die Wahl gehabt, ein Signal zu setzen. Er hat sich entschieden, das falsche zu senden.

Das werden Menschen mit Beeinträchtigungen nicht vergessen. Ich auch nicht.

Fazit

Der Weg aus der Werkstatt ist hart. Er braucht Zeit, Ressourcen und Menschen, die begleiten. Aber er lohnt sich – ökonomisch, gesellschaftlich, menschlich.

Inklusion ist kein Luxus, den wir uns erlauben, wenn der Haushalt noch Platz hat.

Sie ist die Investition in Menschen, die im ersten Arbeitsmarkt Sinn und Würde suchen.

Die Frage ist nicht, ob wir uns das leisten können.

Die Frage ist, ob wir uns leisten können, es weiter zu verwalten statt endlich zu gestalten.

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