Burhave statt Burnout – warum hohe Pflegegrade kein Reiseverbot sind
Nordsee. Deich. Wind, der den Kopf freipustet.
Ich war mit Leben Pflegen Reisen e.V. in Burhave. Dort betreuen wir pflegende Angehörige. Menschen, die seit Jahren funktionieren. Die zu Hause rund um die Uhr verfügbar sind. Und die an der Küste zum ersten Mal seit Langem wieder ausschlafen, durchatmen, einfach nur am Wasser stehen.
Das ist keine Wellness-Anekdote. Das ist der Kern unseres Angebots.
Der Satz, der mir nicht aus dem Kopf geht
Vor Ort dann wieder dieses Signal, diesmal im Austausch mit der AWO: Anfragen mit hohen Pflegegraden werden bei betreuten Reisen oft abgelehnt. Zu aufwendig. Zu riskant. Nicht kalkulierbar.
Und ehrlich? Ich verstehe die Logik. Personalschlüssel, Haftung, Wirtschaftlichkeit – wer knapp kalkulieren muss, sortiert nach Aufwand. Viele betreute Urlaubsangebote enden deshalb faktisch bei Pflegegrad 3. Das ist keine Böswilligkeit. Das ist Marktlogik.
Aber Marktlogik ist nicht Bedarfslogik.
Je höher der Pflegegrad, desto größer der Bedarf
Ich sehe es genau andersherum.
Mehr als vier von fünf Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – von Angehörigen, dem größten Pflegedienst Deutschlands. Und die Belastung steigt mit dem Pflegegrad: mehr Transfers, mehr unterbrochene Nächte, mehr Verantwortung, weniger eigenes Leben. Wer einen Menschen mit Pflegegrad 4 oder 5 versorgt, braucht die Auszeit nicht weniger als andere. Sondern dringender.
Und ausgerechnet diese Menschen hören am häufigsten ein Nein?
Das ist die Umkehrung des Bedarfs. Wir nennen es Versorgungslogik – tatsächlich ist es Auslese nach Aufwand. Die, die am meisten tragen, fallen zuerst durchs Raster.
Und wir setzen es um
Bei Leben Pflegen Reisen e.V. drehen wir die Logik um. Ehrenamtliche Reisebegleitung, pflegefachlich angeleitet. Betreuung so eng, wie sie gebraucht wird – bis zur 1:1-Begleitung. Gemeinnützig statt renditegetrieben. Schon unsere erste Vereinsreise hat gezeigt, was Auszeit bewirkt. Burhave hat es bestätigt: Angehörige am Deich statt am Limit, während wir die Betreuung übernehmen.
Bin ich ehrlich: Auch wir prüfen jeden Einzelfall. Auch bei uns gibt es Grenzen, medizinische Sicherheit geht vor. Aber der Pflegegrad allein ist bei uns kein K.-o.-Kriterium. Genau das ist für mich soziale Innovation – kein neues Produkt, sondern eine umgedrehte Logik.
PNOG: drei Lesarten einer Reform
Passend dazu die Politik. Heute steht Pflegebedürftigen ab Pflegegrad 2 ein gemeinsamer Jahresbetrag von 3.539 Euro für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege zur Verfügung – flexibel einsetzbar, auch für Betreuung am Urlaubsort. Seit Juni liegt der Referentenentwurf zum Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) auf dem Tisch: Die Verhinderungspflege soll als eigene Leistung verschwinden und in einer neuen Budgetlogik aufgehen. Für Ausfälle der Pflegeperson ist ein Überbrückungsbudget geplant – 1.855 Euro jährlich für die Pflegegrade 2 und 3, 2.285 Euro für die Pflegegrade 4 und 5. Geplanter Start: Januar 2027. Noch ist das kein Gesetz, vieles kann sich ändern.
Lesart eins: Kürzung. Der Topf wird kleiner, die Flexibilität auch. Diese Kritik ist berechtigt, und die Verbände formulieren sie laut.
Lesart zwei finde ich bemerkenswert: Zum ersten Mal staffelt der Entwurf die Ersatzpflege nach Pflegegrad. Höherer Pflegegrad, höheres Budget. Das ist – gewollt oder nicht – das Eingeständnis meiner These. Die Richtung stimmt. Die Höhe noch nicht.
Lesart drei ist unsere Chance: Wenn Budgets enger werden, zählt jeder Euro doppelt. Ein gemeinnütziger Verein mit ehrenamtlicher Begleitung macht aus demselben Budget mehr Tage Auszeit als ein privatwirtschaftlicher Anbieter mit Marge. Während der Markt über kleinere Töpfe klagt, rechnen wir anders: weniger Kosten pro Tag, mehr Erholung pro Euro. Das ist keine Kampfansage an die Privatwirtschaft. Das ist Arbeitsteilung – wo Rendite nicht trägt, trägt Gemeinnützigkeit.
Auszeit ist keine Belohnung. Auszeit ist Versorgung.
An die Anbieter: Prüft Bedarf, nicht nur Aufwand. Wer nicht aufnehmen kann, kann weitervermitteln – Kooperation statt Absage.
An die Politik: Wenn ihr die Verhinderungspflege umbaut, dann so, dass sie bei denen ankommt, die am meisten tragen. Und lasst gemeinnützige Strukturen in der neuen Budgetlogik nicht durchs Raster fallen – sie sind der günstigste Hebel, den ihr habt.
An die pflegenden Angehörigen mit hohem Pflegegrad zu Hause: Lasst euch von einem Nein nicht erzählen, dass Auszeit für euch nicht vorgesehen ist. Sie ist es. Und wir machen sie möglich.
Purpose, Pulse, People – in Burhave standen alle drei am Deich.
Die Frage ist nicht, ob sich Auszeit für hohe Pflegegrade rechnet. Die Frage ist, was es uns kostet, wenn die, die am meisten tragen, zuerst zusammenbrechen.

