DREI BAUSTELLEN, VIER WOCHEN, EINE REISE: WIE MAN AUS DEM UNMÖGLICHEN EINE CHANCE BAUT
Es war zum 31. März. Insolvenz der Privaten Krankenpflege Fromm gGmbH. Schluss. Punkt. Was das bedeutet, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben. Heute soll es nicht um die Wunde gehen. Sondern um das, was danach kam.
Gestern. Rerik. Erste Reise unter dem neuen Vereinsdach Leben Pflegen Reisen e. V. Zehn Familien angekommen. Pflegende Angehörige in der Auszeit. Demenzerkrankte in unserer Betreuung.
Reisen wie diese sind für mich nicht neu. Mit der Privaten Krankenpflege Fromm gGmbH haben wir die Demenzreisen vor Jahren bei der AWO in Oberhof aufgebaut. Darüber habe ich hier schon geschrieben. Damals ging es um Sinn, um Wirkung, um Konzept.
Diesmal geht es um etwas anderes.
Diesmal geht es darum, dass es diese Reise überhaupt gibt.
Drei Baustellen, die rechnerisch nicht in einen Kalender passen
Der April war kein Erholungsmonat. Präsenzphase im berufsbegleitenden Studium. Vereinsgründung Leben Pflegen Reisen e. V. — Konzept, Strukturen, Familien-Ansprachen, Anmeldungen, Logistik. Und parallel die Vorbereitung auf den 1. Mai: operative Leitung der Heilpraxis Frommholz. Offiziell nicht Geschäftsführer. Mit allen Vollmachten. 24/7. Auch das Setting ist für mich neu — neue Räume, neues Team, neue Klientel, neue Prozesse.
Drei Baustellen. Auf dem Whiteboard: geht nicht.
Wir sind in Rerik. Es geht doch.
Sechs Punkte, die wirklich funktioniert haben
Ich bin kein Held. Kein Effizienz-Guru. Was funktioniert hat, lässt sich ehrlich auf sechs Punkte runterbrechen.
Erstens: Wissen, was du kannst — wirklich wissen. Ich habe mir vor Monaten ein eigenes Skillboard gebaut. Klingt nach Selbstvermarktung. War Selbstvergewisserung. Wenn drei Baustellen gleichzeitig kommen, hast du keine Zeit mehr zu überlegen, was du kannst. Du musst es wissen. People & Culture. Inklusion. Projektmanagement. Stakeholder-Arbeit. Schreiben.
Zweitens: Fähigkeiten sortieren — deine eigenen und die der Menschen um dich herum. Perfektionismus ist in einer solchen Phase ein Luxus, den du dir nicht leisten kannst. Die Frage ist nicht „Wie mache ich alles perfekt?", sondern „Was kann ich — und wer um mich herum — in kurzer Zeit umsetzbar zu welcher Baustelle beitragen?"
Konkret hieß das für mich: Welche meiner Fähigkeiten sind jetzt nötig für die Reise nach Rerik? Welche für den Anlauf der Heilpraxis Frommholz? Und wo kann das berufsbegleitende Studium plötzlich zur Ressource werden — etwa durch das Coaching mit einem Organisationsentwickler in der Präsenzphase im April, das ich gezielt auf die Heilpraxis-Frage gespiegelt habe? Studium als Input, nicht als Last.
Genauso wichtig: das Team als Werkzeugkasten verstehen. Wer kann was — und wo platziere ich diese Stärke so, dass sie mir den Rücken freihält? Jede Person mit ihrer Stärke am richtigen Platz. Dann reicht Zeit, die rechnerisch nicht reicht. Wie zentral das wird, zeigt sich an einem Beispiel, das ich gleich noch erzähle.
Drittens: Priorisieren heißt zumuten — auch sich selbst. Es gab Wochen, in denen das Studium hinten anstand — trotz berufsbegleitendem Setting. Aufmerksamkeit ist endlich. Andere Wochen lag der Verein still. Eine Woche stand Rerik im Zentrum, alles andere wartete. Keine elegante Lösung. Eine ehrliche.
Viertens: Die richtigen Menschen halten — und manchmal erst auf den richtigen Platz bringen. Das Beispiel, das ich oben angedeutet habe, hat einen Namen: Sonja.
Sonja arbeitet in der Heilpraxis Frommholz im Büro, Schwerpunkt Steuer und Buchhaltung. Lange Zeit war ihr Arbeitsplatz die Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Vor Kurzem hat sie etwas bekommen, was alles andere als selbstverständlich war: einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei uns. Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt — final geschafft. Festanstellung. Punkt. Warum dieser Schritt politisch und systemisch größer ist, als er klingt: hier.
In genau diesen Wochen, in denen drei Baustellen gleichzeitig auf mich einprasselten, hat sich gezeigt, was Sonjas Festanstellung wirklich bedeutet — nicht nur für sie. Sondern für die Heilpraxis. Für mich. Für die Möglichkeit, dass diese Reise stattfindet.
Inklusion ist keine Geste, die du dir leistest, wenn der Laden gut läuft. Inklusion ist eine Strukturentscheidung, die dich tragfähig macht, gerade wenn es eng wird. Sonja entlastet mich nicht „obwohl", sondern „weil" sie den Weg gegangen ist. Das ist gelebtes PPP — Purpose, Pulse, People. Kein Antragstext.
Fünftens: Resilienz ist kein Gefühl. Resilienz ist Routine. Es gab Abende, an denen ich nicht wusste, wo zuerst anfangen. Aber Resilienz ist nichts Mystisches mehr. Schlafen, wenn du schlafen kannst. Essen, wenn du essen sollst. Klar kommunizieren, wenn du kommunizieren musst. Und dich selbst nicht in den Schwitzkasten nehmen, wenn etwas nicht klappt.
Sechstens: Nicht warten, bis das Konzept perfekt ist. Anfangen. Die Reise nach Rerik war organisatorisch nicht „bereit". Aber möglich. Pflegende Angehörige, die seit Monaten kaum Luft bekommen, warten nicht auf perfekte Konzepte. Sie warten auf eine Buchungsbestätigung. Let's do it ist kein Slogan. Es ist Haltung.
Was Rerik gerade beweist
Heute morgen: zehn Familien an der Ostsee. Pflegende Angehörige mit Luft. Demenzerkrankte gut betreut. Menschen, in deren Alltag das Wort „Urlaub" selten vorkommt.
Vor sechs Wochen: eine Tabellenzeile. Jetzt: ein Strand.
Lies diesen Artikel noch einmal
Wenn du bis hierhin gelesen hast und denkst „Schöne Geschichte, aber bei mir ist es anders" — dann lies den Artikel noch einmal.
Zwischen den Zeilen steht eine Anleitung. Sechs Schritte, nicht erfunden, sondern in den letzten Wochen am eigenen Leib gelernt:
1. Schreib dir auf, was du wirklich kannst. Nicht für eine Bewerbung. Für dich.
2. Sortiere deine Fähigkeiten — und die deines Teams — nach Umsetzbarkeit pro Baustelle. Nicht nach Perfektion.
3. Priorisier brutal. Auch wenn du jemanden enttäuschst — vielleicht dich selbst.
4. Hol die richtigen Menschen an Bord. Und glaub nicht, dass Inklusion ein „Nice-to-have" ist. Sie ist Tragwerk.
5. Resilienz ist Routine. Bau dir kleine Anker. Keine großen Konzepte.
6. Fang an, bevor es fertig ist.
Drei Baustellen. Vier Wochen. Eine Reise, die läuft. Eine Festanstellung, die Geschichte schreibt. Ein Studium, das parallel weiterläuft. Eine Heilpraxis, die anläuft.
Geht nicht? Geht doch. Wenn du die Reihenfolge findest — und anfängst.
Das ist meine persönliche Perspektive aus dem Alltag als operativ leitender Pflegemanager in Berlin. Ich freue mich über Rückmeldungen — konstruktiv oder kontrovers.
Weiterdenken
→ PPP: Purpose, Pulse, People auf Reisen
→ Von der Werkstatt auf den ersten Arbeitsmarkt
→ Krise als Chance – Trotz Massenkündigungen
→ Tool: PPP-Methode
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